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© Nagel
Hinter den Kulissen: Prof. Niels Nagel
Forschende aus Köln stellen sich vor
Kurzinterview mit Prof. Niels Nagel von der International School of Management (ISM)
Prof. Dr. Nagel, Sie fordern mehr politische Unterstützung für den Breitensport. Mit welchen Problemen haben Sportvereine aktuell zu kämpfen?
Sportvereine müssen eine ganze Reihe von Problemen bewältigen. Ein Teil dessen wurde sicherlich durch die Pandemie verursacht, wie zum Beispiel die aus meiner Sicht sinkende Bereitschaft zur Teilnahme an Nachwuchs- und Breitensportwettbewerben. Ein anderer Teil erfuhr in der Pandemie eine beschleunigte Entwicklung, wie etwa der Anspruch an flexibel verfügbaren Angeboten. Vielleicht ist diese Vielfalt an Herausforderungen das größte Problem. Das erfordert meiner Meinung nach eine Professionalisierung der Managementstrukturen. Damit entlastet man auch die ehrenamtlich Tätigen. Grundsätzlich sollte man sich im Sport kritisch die Frage stellen, was die tatsächlichen Ursachen für die Probleme sind, die wir aktuell beobachten. So können dann gemeinsam mit der Politik adäquate Lösungen erarbeitet werden. Mangelnde Mitgliedergewinnung und -bindung zum Beispiel kann viele Ursachen haben.
In welchen weiteren Bereichen würden Sie sich mehr Sportförderung wünschen?
Bei allem Verständnis für den teilweise existenziellen Leistungsdruck, der im Spitzensport herrscht, wünsche ich mir einen viel stärkeren Fokus auf die Förderung des Nachwuchs-, Breiten- und Gesundheitssport. Nutzen und Wirkung des Sports, etwa im Bereich von Gesundheit, Integration und des sozialen Miteinanders, stellen für mich hochrelevante gesellschaftliche Funktionen dar. In Bezug auf den Nachwuchs geht es um viel mehr als den Erhalt des Leistungssports. Sport ist elementar für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Auch das Zusammenwirken von kommerziellem und nichtkommerziellem Sport sollte übrigens gefördert werden. Dadurch ergeben sich Chancen für Refinanzierungsmöglichkeiten für den Sportverein. Kurzum geht es für mich in Bezug auf die Förderung zuvorderst um die Frage: Wie ermöglichen wir jedem einen attraktiven und nachhaltigen Zugang zu sportlicher Aktivität und wie schaffen wir es, das daraus resultierende Potenzial des Sports für den Erhalt biologischer, geistiger und sozialer Gesundheit zu nutzen?
Stellen Sie sich vor, die Deutschen würden im Durchschnitt eine halbe Stunde mehr Sport in der Woche machen. Welche gesellschaftlichen Vorteile könnten sich hieraus ergeben?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt zunächst fest, dass wenig körperliche Aktivität besser ist als keine. Sicherlich würden viele Menschen erfahren, dass Sport und die damit verbundene Bewegung uns guttut. Ich würde hoffen, dass diese Erfahrung motiviert, noch mehr Sport zu treiben. Für mich sind die Leitlinien der WHO das anzustrebende Mindestmaß. Diese umfassen für Erwachsene 150-300 Minuten moderates Herzkreislauftraining und zwei Mal muskelkräftigendes Training pro Woche. So nutzen wir das Potenzial des Sports in seiner Wirkung auf die breite Bevölkerung.
Welche Lösungsansätze zur Förderung des Breitensports würden Sie der Politik vorschlagen?
Sport ist Teil der Lösung für gesellschaftlich relevante Probleme. Hier sollten vielleicht sportlich aktivere Politiker diejenigen aufklären, die in Sport lediglich Freizeitbeschäftigung sehen. So kann es uns mit einer aktiveren Bevölkerung eher gelingen, die Herausforderungen des demographischen Wandels zu bewältigen. Hierzu sollte es eine zentrale Bewegungskampagne geben, die alle Sportsektoren, Vereine und auch kommerzielle Fitnessstudios berücksichtigt. Wir sollten uns weniger um die letzten Medaillenspiegel Gedanken machen als um die Frage, wie wir jedem die Teilnahme am Sport dauerhaft ermöglichen. Sport sollte dahingehend gefördert werden, dass er mit Hilfe der Akteure in die Lebenswelten der Menschen integriert wird. Sport sollte deshalb auch einen viel größeren Stellenwert in der Schule erhalten.
ZUR PERSON
Prof. Niels Nagel ist promovierter Sportwissenschaftler, Professor für International Sports Management an der International School of Management und Geschäftsführer des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit e.V. Seine Forschungsinteressen sind Nachhaltigkeitsstrategien, Marktentwicklungen und digitale Technologien im gesundheitsorientierten Sport- und Fitnessmarkt.